Das Vertrauen der Schufa in ihr eigenes Produkt

Posted by – 8. Juni 2012

Durch meine Arbeit als Applikationsingenieur muss ich häufiger Reisen. Mein Arbeitgeber hat in diesem Zusammenhang einen Rahmenvertrag mit einem Kreditkartenanbieter. Der Versuch eine Kreditkarte zu bekommen hat mir den Weg in die kafkaeske Welt der Schufa eröffnet. Ein Erlebnisbericht  mit erstaunlicher Selbsteinschätzung der Schufa.

Die Empörung über die Schufa koch im Moment hoch. Ihr Plan, auch soziale Netze auswerten zu wollen, hat für Empörung gesorgt. Ich habe bereits in jüngsten Zeit erleben dürfen wie es um die Datenverarbeitung bei der Schufa bestellt ist, und was von den Score-Werten der Schufa zu halten ist.

Nach meinem Studium habe eine Arbeit in Nordrhein-Westfalen angetreten. Dafür bin ich Anfang 2011 aus dem Saarland nach NRW umgezogen. Aufgrund der Distanz zum alten Wohnort habe ich bei meiner damaligen Bank die kontoführende Filiale geändert. Damals war ich bei der Commerzbank. Diese brauchte von April bis November 2011 um ein Giro-, Tagesgeldkonto und ein Depot von einer Filiale zur anderen umzustellen. Dabei ist wohl auch gegenüber der Schufa einiges kaputt gegangen. Diese Schäden ließen sich nicht wieder beheben.

Im August habe ich versucht über meinen Arbeitgeber eine Kreditkarte bei dessen Vertragspartner Barclayscard zu bekommen. Dieser Antrag wurde abgelehnt. Jetzt war ich in der unangenehmen Situation meinem erstaunten Vorgesetzten die Verzögerung bei meiner Kreditkarte zu erklären. Da Barclayscard sich nur sehr wortkarg über die Gründe meiner Ablehnung äußerte, habe ich selbstauskunft.net genutzt um einmal in der Breite den Markt der Datenhändler nach der Quelle des Negativmerkmals abzusuchen. Ohne den § 34 BDSG wäre dies nicht möglich gewesen. Es zeigte sich, dass ich nur bei der Schufa erfasst war.

In der Selbstauskunft der Schufa war ich aber in der Rubrik ‚In den letzten 12 Monaten übermittelte Wahrscheinlichkeitswerte':

OHNE SCORE, DER KUNDE IST DER SCHUFA UNBEKANNT

was mich dann doch erstaunt hat. Ich war jahrelang Kunde der Dresdner Bank und bin 2008 von der Commerzbank mit aufgekauft worden. Die Auskunft datierte vom 7. April 2011, dem Tag als ich bei der Commerzbank die Umstellung meiner kontoführenden Filiale beauftragt hatte. Um der Schufa zu helfen, teilte ich ihr meine alte und neue Anschrift, alte und neue Bankverbindung bei der Commerzbank und auch meine Handyverträge  mit. Die Schufa bedankte sich für die Mitteilung und teilte mir mit einen D2 Vertrag aus meinem Datenbestand entfernt zu haben. Letzteres erstaunte mich, ich war nie Kunde von D2.

Mit dem reparierten Datenbestand war es leider immer noch nicht möglich Kunde von Barclayscard zu werden. Da zusätzlich die Commerzbank immer noch Probleme mit dem auflösen der alten Konten im Saarland hatte, habe ich mich entschlossen die Commerzbank zu verlassen und mein Geld bei einem anderen Institut anzulegen. Meine Wahl fiel auf die Sparda-Bank.

Am 29. November 2011 habe ich versucht ein Konto bei der Sparda-Bank zu eröffnen. Versucht bedeutet in diesem Zusammenhang, die Eröffnung eines Girokontos scheiterte an einer katastrophalen Schufa-Auskunft. Man war bei der Sparda-Bank sehr erstaunt und hat knapp 2 Jahre Kontoauszüge, Gehaltsabrechnungen und meine Selbstauskunft nach § 34 BDSG zu Prüfung im eigenen Haus entgegengenommen. Da ich eine Kreditkarte benötige habe ich wenige Tage später dann eine Kreditkarte bei der Commerzbank beantragt und auch eine mit  üppigen Verfügungsrahmen bekommen. Im Januar war die interne Prüfung bei der Sparda-Bank abgeschlossen und ich konnte ein Girokonto eröffnen, mit einem Limit von 0 Euro. Eine Kreditkarte sei auf absehbare Zeit aber nicht möglich.

Parallel dazu habe ich versucht meine Bonität wieder herzustellen. Ich habe also die Schufa aufgefordert mir mitzuteilen welche Negativmerkmale zu einer derart schlechten Beurteilung geführt haben. Am 27. Dezember 2011 teilte mir die Schufa dann mit:

Angaben zu nichtvertragsgemäßen Verhalten konnten im SCHUFA-Datenbestand zu Ihrer Person nicht ermittelt werden.

Soweit so gut. Als nächstes habe ich die Schufa aufgefordert meine Bonitätswerte nach oben zu korrigieren. Das hat die Schufa aber mit einer beeindruckenden Begründung abgelehnt:

Das bisherige Zahlungsverhalten lässt sich aber nicht nicht „eins zu eins“ in die Zukunft übertragen. Es kann sein, dass jemand bislang alle seine Rechnungen vertragsgemäß bezahlt hat. Statistisch gesehen ist es aber dennoch möglich, dass sich das künftig ändert.

Ein solcher Textblock – ich glaube es ist ein Textblock – lässt einen hoffen, es gibt offensichtlich Mitarbeiter bei der Schufa die eine realistische Einschätzung des eigenen Geschäftsmodells haben. Das Geschäftsmodell der Schufa ist es Score-Werte zu verkaufen. Ein Score-Werte ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine Verpflichtung erfüllen werden, basierend auf meinen bisherigen Verpflichtungen und wie ich diese erfüllt habe. D.h. eine Übertragung aus der Vergangenheit in die Zukunft. Soweit so ehrlich. Das Schreiben wurde aber noch besser:

Ein SCHUFA-Score allein ermöglicht keine sachgerechte Vertragsentscheidung […] Dies wird an einem einfach Beispiel deutlich: Stellen Sie sich vor, jemand hat einen „guten“ SCHUFA-Score. Er verfügt aber nicht über ausreichendes Einkommen, um den Kredit zurückzuzahlen. Oder er hat schon weitere hohe Verbindlichkeiten. Dann wird er trotz „gutem“ SCHUFA-Score vermutlich keine Kreditzusage bekommen.

Warum jemand einen „guten“ Score haben kann, wenn er gleichzeitig hohe Verbindlichkeiten hat, blieb der Autor schuldig zu erklären. Eine Bank die eine Auskunft bei der Schufa einholt, meldet auch einen gewährten Kredit an die Schufa zurück. Damit können die teilnehmenden Banken schlechte Kunden erkennen und sich vor Ausfällen schützen. Es gibt natürlich Kredit-Haie, diese melden nicht an die Schufa. Ein Kredit-Hai fragt aber vermutlich auch nicht bei der Schufa nach der Bonität eines potentiellen Kreditnehmers.

Die beiden Schreiben der Schufa haben für mich aber den gewünschten Zweck erfüllt. Zusammen mit einem netten Anschreiben habe ich diese meiner neuen Bank, der Sparda-Bank, zu Kenntnis gebracht. Ich habe jetzt eine Kreditkarte,  mit vernünftigen Verfügungsrahmen, bei der Sparda-Bank. Die Karte, das Depot und die Konten bei der Commerzbank habe ich zwischenzeitlich gekündigt.

Was bleibt mir als Erkenntnis aus der Geschichte? Zuerst einmal ein ganzer Berg an „Erfahrungswerten“ wie sich Verhalten, Anschrift, ausländisch klingende Familiennamen und ähnliche Dinge auf den Schufa-Score auswirken würden. Man soll z.B. nicht umziehen, weil dies ein Indikator für einen unsteten Lebenswandel sei. Score-Senkend. Wie man gleichzeitig als gesuchte Fachkraft zu seinem Arbeitgeber kommen soll, erklärt einem natürlich keiner. Score-Erhöhend soll es z.B. sein einen Kredit nicht früher abzulösen, weil die Bank ansonsten weniger Zinsen verdient. Dumm ist nur, wenn man bisher in der glücklichen Situation ist ohne Kredite ausgekommen zu sein.

Die sozialen Netze werden zum Teil als Gefahr dargestellt, weil man dort persönliche Daten einstellt. Diese könnte jedermann auswerten und dann auch gegen den ursprünglichen Einsteller verwenden. Ich habe unter anderem einen Account bei xing. Mein Arbeitgeber, der für den ich überhaupt erst vom Saarland nach NRW gezogen bin, hat mich über xing gefunden und angesprochen. Damit hat das Unglück in der Tat seinen Ursprung in einem sozialen Netzwerk genommen.

Ich teile aber nicht die Ansicht soziale Netzwerke seinen das Problem. Das Problem ist die Bedeutung die wir abgeleiteten Bewertungen zumessen. In mindestens einem Fall haben die von der Schufa berechneten Wahrscheinlichkeiten keinen Zusammenhang mit der Realität. Einen weiteren Erlebnisbericht mit der Schufa findet man bei Alvar Freude.

Was kann man tun um die Macht, die sich aus der Monopolstellung der Schufa ergibt, zu brechen? Datenverarbeitung ist billig geworden. Die Dienstleistung der Schufa könnten auch andere Unternehmen anbieten. Der Vorteil der Schufa ist ihr Datenbestand, und der Glaube der Schufa-Kunden in die Aussagekraft der Schufa-Bewertungen. Darum ist ein meiner Meinung nach wichtig diese Einzelfälle öffentlich dokumentieren.

Mit meinem Abschuss in Informatik bin ich angeblich eine gesuchte Fachkraft. Ich habe eine Festanstellung und ein gutes Einkommen. Ich kann aber gleichzeitig nicht einmal ein einfaches Girokonto eröffnen, weil die Schufa vor mir warnt.

Das nennt sich dann Scoring.

(Edit: Link repariert)

4 Comments on Das Vertrauen der Schufa in ihr eigenes Produkt

  1. Tim Benke sagt:

    Krasse Geschichte, Bruno. Ist ein Unding mit welcher Willkuer ein privates Unternehmen Buerger bestrafen darf.

    Ein Bekannter von mir hatte mal das Problem, dass all seine Konten gesperrt worden waren. Auf Anfrage bei der Bank wurde im mitgeteilt, dass er seine Kredite ueberzogen haette. Es hat ne ganze Woche gedauert bis die Bank im endlich geglaubt hat, dass ein anderer Typ gleichen Namens der Schuldner war. Jeder kann Fehler machen, aber gerade beim Geld kann das schnell viel kaputt machen.

    Im Finanzsektor sind solche Institutionen ja gang and gaebe. Ratingagenturen arbeiten ja aehnlich, nur dass sie ganze Volkswirtschaften zu Fall bringen…

  2. Simon Müller sagt:

    Ohne auf diesen etwas abstrusen Fall des Scorings eingehen zu wollen eine kurze Bemerkung:

    Man kann sehr hohe Verbindlichkeiten und gleichzeitig einen guten Schufa-Score haben, wenn man alle Verbindlichkeiten rechtzeitig und vertragsgemäß bedient. Unter bestimmten Bedingungen ist es sogar postiv für den Schufa-Score, mehrere Kredite zu haben, solange sie alle rechtzeitig bedient werden. Es geht ja in erster Linie darum, die Ausfallwahrscheinlichkeit zu ermitteln.

    Bei Ihnen ist das jetzt offenbar nicht ganz zuverlässig geschehen, aber sowas passiert vermutlich durch hochautomatisierte Prozesse in Verbindung mit statistischen Verfahren.

  3. Claudio Dorsch sagt:

    Wundervoller Artikel der meine persönliche Erfahrung bestätigt: Aufgrund einer gerichtlichen Auseinandersetzung mit anschließendem Vergleich mit einer Telefongesellschaft bin ich Opfer geworden (Kreditkarte weg, Dispo weg) obwohl ansonsten nur ehrenwerte Dinge in der Schufa-Auskunft stehen und ich zudem Landesbediensteter mit gutem und geregelten Einkommen seit einem Jahrzehnt bin. Trotz Anzeige wegen übler Nachrede, die letztlich vom Justizministerium ( in Hessen, dem Sitz der Schufa) abgewiesen wurde, kümmert sich kaum einer um die üblen Machenschaften der „Stasi des Kapitalimus“ . Schade und letztlich auch sehr demokratiefeindlich, weil keiner mehr wagt, die Justiz einzuschalten, wenn damit gleich der Entzug der Kreditkarte verbunden ist.

  4. N. W. sagt:

    Hallo Bruno, hallo liebe Antworter!
    Ich arbeite für eine TV-Produktionsfirma und bin für einen TV-Beitrag, der sich mit der Schufa befasst, gerade auf der Suche nach „Schufa-Opfern“.
    Wir wollen im Film das Prinzip Schufa erklären und auch solche Schwachstellen aufzeigen und wie sie zustande kommen.
    Bruno, hat sich das Problem für dich tatsächlich gelöst oder gab es noch ein Nachspiel?
    Hat jemand anders vielleicht schlechte Erfahrungen gemacht oder macht sie gerade – Tim Benke, du hast ja auch von einem Bekannten gesprochen, der durch eine Namensverwechslung einen falschen Eintrag hatte.
    Ich würde mich freuen, wenn jemand von euch Lust hätte, mit uns zusammen zu arbeiten oder erst mal auch nur mir von seiner Erfahrung zu berichten – ihr könnt euch melden unter nayra (at) tangofilm dot de. Ich setze mich dann gern mit euch in Verbindung!
    Liebe Grüße!

    (Edit: Ich habe die E-Mail-Adresse etwas weniger Spam-Bot freundliche gemacht)

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